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Ist Wikipedia subversiv?
Veröffentlicht durch XTaran am Mittwoch 07. September 2005, 17:57
Aus der Enzyklopädien-philosophisch-betrachtet Abteilung
Wikipedia ktk schreibt: »In der WOZ gibts einen Artikel über Wikipedia. Soweit so gut, über Wikipedia zu berichten ist ja ziemlich trendy in den letzten Monaten. Der Artikel ist trotzdem lesenswert, zumal er sich noch kurz der Geschichte der Enzyklopädien annimmt, auf die "Diskussion"-Seite eingeht und eine interessante Schlussthese aufstellt.«

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    Bloedsinn (Score:1)
    Von Anonymer Feigling am Wednesday 07. September 2005, 18:07 MEW (#1)
    Ja, ja, nette Idee, aber Bloedsinn. Selbst wenn jedes Wort 'blau' waere, den bestimmten Begriff, den ich suche, bekomme ich trotzdem erklaert.
    Re: Bloedsinn (Score:1, Tiefsinnig)
    Von Anonymer Feigling am Wednesday 07. September 2005, 18:23 MEW (#2)
    Ack.
    Eben erst eine hohe Vernetzung von einzelnen Informationen macht eine Enzyklopedie (oder irgendwas anderes) wertvoll. Das "jedes Wort blau" wird niemals eintreffen, denn niemand wird auf die Idee kommen "Stoppworte" (Konjunktionen, Artikel, Adjektive, Adverbien, etc.) zu "wikisieren". Was bleibt sind Verben, Substantive, bei denen es - in Abhaengigkeit zum Artikel - oft Sinn macht, sie zu "verlinken" (im Artikel zur Kernspaltung waeren das z.B. Neutronen, nicht aber "Wahrscheinlichkeit" [Das Wort kommt vor..]). Der WOZ-Artikel geht davon aus, dass Wikipedia der Assoziations-Blaster ist, oder die Benutzer auf einmal ihren gesunden Menschenverstand abschalten, dass das passieren wird, glaube ich eher nicht..

    mfg.
    Re: Bloedsinn (Score:1)
    Von Hey (hey ät wavestyle punkt zeha) am Wednesday 07. September 2005, 19:20 MEW (#4)
    (User #810 Info) http://wavestyle.ch
    Nack

    «Jedes Wort Blau» ist ein Problem bei Hypertexten im Allgemeinen und bei Wikipedia im Speziellen.

    Jeder Hyperlink verlangt dem Leser eine Selektionsentscheidung ab: Weiterlesen oder Link anklicken. Dies zieht kognitive Kapazität eigentlichen Task, dem Lesen, ab. Darum gibt es in Hypertexten ein zuviel und ein zuwenig an referentiellen Links.

    Ein Ausweg aus dem Dilemma ist der, nur die wirklich relevanten Verweise, die einen inhaltlichen Zusammenhang mit dem Text haben, zuzulassen. Dabei handelt man sich aber wieder Probleme ein, weil für unterschiedliche Leser unterschiedliche Links relevant sind.

    Es hat sich gezeigt, dass Leser insbesondere an weiterführenden Links interessiert sind. Links also, die an das Gelesene anknüpfen und das bereits gesammelte Wissen vertiefen.

    Leider trifft man in Wikipedia immer wieder auf unnötige Links, die gegen diese Lesererwartung verstossen. Vor allem bei Jahreszahlen fällt mir das auf. Wenn über irgend eine Entdeckung geschrieben wird, steht meistens auch eine Jahreszahl dazu. Oft ist diese mit einer Seite verlinkt, die andere Ereignisse des selben Jahres beschreibt. Mit dem eigentlichen Thema des Textes hat dieser referentielle Link aber gar nichts zu tun.

    Als Nutzer stehe ich nun vor mehreren Problemen: Der Link hat mich abgelenkt, er hat eine Selektionsentscheidung provoziert, ich muss die Jahreszahlen-Seite anlesen und bewerten, ich muss sie verwerfen, ich muss eine Rückwärtsnavigation per Back-Taste einleiten, ich muss wieder in de ursprünglichen Text einsteigen.

    Hätte es diesen Link nicht gegeben, wäre mir dieser ganze Fehlnutzungsprozess erspart geblieben und ich hätte mich auf den ursprünglichen Text konzentrieren können.

    Das ist nur eine kurze Zusammenfassung der Probleme bei der Linkgestaltung in Hypertexten. Eine ausführliche Studie zum Thema hat Wolfgang Schweiger publiziert. Das Buch heisst: «Hypermedien im Internet. Nutzung und ausgewählte Effekte der Linkgestaltung»
    Re: Bloedsinn (Score:1)
    Von dawn am Wednesday 07. September 2005, 19:29 MEW (#5)
    (User #8 Info)
    Als Nutzer stehe ich nun vor mehreren Problemen: Der Link hat mich abgelenkt, er hat eine Selektionsentscheidung provoziert, ich muss die Jahreszahlen-Seite anlesen und bewerten, ich muss sie verwerfen, ich muss eine Rückwärtsnavigation per Back-Taste einleiten, ich muss wieder in de ursprünglichen Text einsteigen.
    Hast Du dir mal ueberlegt, einen Browser mit Tabs zu besorgen?
    --
    Anyone can make an omelet with eggs. The trick is to make one with none.
    Re: Bloedsinn (Score:1)
    Von leuzi (chris+www@westworks.ch) am Wednesday 07. September 2005, 20:11 MEW (#7)
    (User #439 Info) http://westworks.ch/~chris/
    Hast Du dir mal ueberlegt, einen Browser mit Tabs zu besorgen?

    Das behebt das Problem nicht wirklich. Denn man öffnet dann halt für jeden Link, den man (später) vielleicht weiterverfolgen möchte, ein neues Tab.

    Man verwaltet eine Art "Stack" von Tabs und führt eine Tiefensuche ausgehend vom Ursprungsdokument aus. Selbst wenn man nicht alle Links jedes Dokuments besucht und bei einer bestimmten Verweistiefe abbricht, wächst die Anzahl noch zu besuchender Dokumente / Anzahl Tabs sehr schnell. Dadurch vergeht oft einige Zeit, bis man ein Tab tatsächlich mal anschaut und dessen Inhalt passt vielleicht schon gar nicht mehr in den mittlerweile veränderten Kontext.


    Re: Bloedsinn (Score:1)
    Von stamp am Wednesday 07. September 2005, 23:54 MEW (#9)
    (User #501 Info)
    tja... dann war es wohl nicht so wichtig, und man kann den tab wieder schliessen. wenn ich so durch die gegend "surfe", sammeln sich bei mir immer unmengen von tabs an, die ich dann bei gelegenheit mal anschaue. wenn sie interessant wirken, schaue ich sie an - ansonsten schliesse ich sie halt.
    kann ja nicht so kompliziert sein.

    ihr seid alles kranke kinder --- www.zooomclan.org
    Re: Bloedsinn (Score:1)
    Von ktk am Wednesday 07. September 2005, 20:13 MEW (#8)
    (User #457 Info) http://www.netlabs.org
    Das mit den Jahreszahlen sehe ich auch so, der Nutzen ist da relativ gering IMHO. Es passiert auch öfters, dass neue Links angelegt werden auf Dinge, wo ich mich echt frage, was der Link genau bringen soll. Der ist dann natürlich ewigs rot, weil niemand das Gefühl hat, dass er da was einfüllen sollte (oder niemand was dazu weiss).

    Aber vielleicht gehts ja nur darum Wikipedia von der Zerstörung durch komplette Verlinkung zu retten ;)

    --
    Free Software for OS/2 and eCS
    http://www.netlabs.org

    Re: Bloedsinn (Score:2)
    Von dino (neil@franklin.ch.remove) am Thursday 08. September 2005, 09:03 MEW (#10)
    (User #32 Info) http://neil.franklin.ch/
    weil für unterschiedliche Leser unterschiedliche Links relevant sind

    Richtig. Und nicht vergessen: Wie oft findet man etwas total anderes als man gesucht hat, weil man per Zufall ueber ein paar Links hinweggesprungen ist. Passiert mir oft. Und ist IMHO eines der tollen Effekte von Hypertext. Macht man daher auch absichtlich, nennt sich Linksurfen.

    die andere Ereignisse des selben Jahres beschreibt. Mit dem eigentlichen Thema des Textes hat dieser referentielle Link aber gar nichts zu tun

    Und dann kommt jemand der genau das Umfeld zu der Zeit wissen will. Oder gezielt einfach in der gleichen Zeit Linksurfen geht...

    Der Link hat mich abgelenkt

    Unzulaenglicher Bio-Rechner Filter. Das schreit nach einem Update. Die Software namens "selektive Wahrnehmung" hat sich bewaehrt. Damit lassen sich Sachen die in ein halbwegs festes Muster passen (z.B. die Jahreszahlen) automatisch ausfiltern. Bevor sie den Hauptprozessor ueberhaupt beschaeftigen, direkt in der Peripherie.

    und ich hätte mich auf den ursprünglichen Text konzentrieren können

    Das kannst du auch selber mit Client-seitigen Mitteln (= bei dir im User drin) erreichen, ohne vom Server und Admin (= der Wikipedia Wissensbasis und die Artikelschreiber) Aenderungen zu verlangen.
    --
    GPL ist neo-amerikanische Freiheit: du bist gezwungen frei - von jeder Moeglicheit die sie schaedlich erachten

    Re: Bloedsinn (Score:2)
    Von De'naa (symlink-0511.to.denaa@spamgourmet.com) am Thursday 08. September 2005, 10:00 MEW (#11)
    (User #238 Info)
    Als Nutzer stehe ich nun vor mehreren Problemen: Der Link hat mich abgelenkt, er hat eine Selektionsentscheidung provoziert, ich muss die Jahreszahlen-Seite anlesen und bewerten, ich muss sie verwerfen, ich muss eine Rückwärtsnavigation per Back-Taste einleiten, ich muss wieder in de ursprünglichen Text einsteigen.

    "Normale" Web-Seiten geizen (vglw) eher mit Links und vermitteln einem dadurch das Gefühl, die wenigen Links seien so auserlesen, dass man ihnen folgen "muss". Wer so trainiert dann auf reich verlinkte Wikis trifft, hat dann den unwillkürlichen Impuls, jeden Link anklicken zu "müssen", auch wenn das Müssen nur eine antrainierte Einbildung ist.

    Das von dir beschriebene Problem ist also ausschliesslich eines der Lesekompetenz: Weil Wikipedia-Seiten anders sind als Nicht-Wiki-Seiten, müssen sie anders gelesen werden. Ein Leser muss seine Lesediziplin so schulen, dass er Begriffe nachschlägt, weil er etwas darüber erfahren will, und nicht weil es einen Link hat.

    Es ist dem Autor nur sehr eingeschränkt möglich, diese Entscheidung vorwegzunehmen. Wenn ein Autor mögliche Links unterschlägt, um einen Text "lesbarer" zu machen, trifft er dadurch eine Selektion, die auf seinem eigenen Hintergrund basiert, und nicht auf dem jedes individuellen Lesers. Doch die Zeiten, in denen man die einheitliche Bildung und Kultur eines Durchschnitt-Enzyklopädienutzers voraussetzen konnte, sind längst vorbei (wenn es sie je gegeben hat).

    Re: Bloedsinn (Score:1)
    Von Hey (hey ät wavestyle punkt zeha) am Thursday 08. September 2005, 11:01 MEW (#13)
    (User #810 Info) http://wavestyle.ch
    Ich kann dir ein Stück weit zustimmen, aber auch das Ignorieren von nicht relevanten Links kostet kognitive Kapazität, weil du zuerst mal zur Einsicht kommen musst, dass genau dieser Link nicht relevant ist.
    Re: Bloedsinn (Score:2)
    Von De'naa (symlink-0511.to.denaa@spamgourmet.com) am Thursday 08. September 2005, 12:22 MEW (#14)
    (User #238 Info)
    Du gehst grundsätzlich falsch vor. Du musst dich beim Lesen entscheiden, alle Links zu ignorieren, und dann erst zu fokussieren, wenn du aus inhaltlichen Gründen das Bedürfnis nach einem Link hast. Das menschliche Gehirn ist hochspezialisiert aufs Ausblenden ohne nennenswerte Anstrengung.

    Wenn du damit Mühe hast: es ist trainierbar. Wahlweise kannst du auch bei deinem Browser die Darstellung von Links anpassen.

    Re: Bloedsinn (Score:1)
    Von Hey (hey ät wavestyle punkt zeha) am Thursday 08. September 2005, 13:02 MEW (#15)
    (User #810 Info) http://wavestyle.ch
    Dann gehen alle Menschen «falsch» vor. Ich spreche hier nicht aus meinen persönlichen Erfahrungen. Das was ich hier beschreibe wurde in empirischen Studien so nachgewiesen.

    Auch beim Lesen von linearen Texten benutzen wir lokale Zugriffselemente (Sprung zu Textstellen) wie Titel, Überschriften, hervorgehobene Wörter, etc. als Entscheidungshilfen, ob der Abschnitt für unser Ziel lesenswert ist oder nicht. Hyperlinks sind zwar globale Zugriffselemente (Sprung zu anderen Seiten), haben aber die selbe hervorhebende Struktur wie lokale Zugriffselemente. Darum springt unsere Gehirn selbst dann auf Links an, wenn wir sie ignorieren wollen. Das ist ein unbewusster Prozess, den wir nur schwer beeinflussen können und den wir in Jahrelanger Lesesozialisation so herausgebildet haben.

    Wir müssten unser Unterbewusstsein zuerst darauf trainieren, lokale von globalen Zugriffselementen in Hypertexten zu unterscheiden, bevor wir Links ignorieren können.

    Zudem macht das Ignorieren von Links und anderen Zugriffselementen gar keinen Sinn. Beim Lesen entscheiden wir uns ständig. Zum Beispiel haben wir immer die Option das Lesen abzubrechen, wenn der Text unserem Leseziel nicht mehr dienlich ist.

    An sich ist dieser permanente Entscheidungsprozess unproblematisch, wenn er nicht zu viel Ressourcen verbraucht. Erst wenn zu viele Entscheidungsoptionen permanent evaluiert werden müssen (zu viele Links, etc), frisst der Entscheidungsprozess wichtige Leseressourcen auf.
    Dieser Artikel lässt nur einen Schluss zu... (Score:0)
    Von Anonymer Feigling am Wednesday 07. September 2005, 18:54 MEW (#3)
    Keine Macht den Drogen!
    Re: Dieser Artikel lässt nur einen Schluss zu... (Score:1)
    Von ktk am Wednesday 07. September 2005, 20:08 MEW (#6)
    (User #457 Info) http://www.netlabs.org
    häh? Was hast Du denn geraucht? ;)

    --
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    Wenn die Wikipedia ihr Ziel erreicht hat (Score:1)
    Von maxy am Thursday 08. September 2005, 10:10 MEW (#12)
    (User #795 Info) http://old.homeip.net/martin/
    Der Artikel schreibt, dass die Wikipedia erst mit ihrer Vollendung scheitern wird. Daraus folgt, dass sie nie scheitern wird.

    Ich habe den Verdacht dass der WOZ-Autor noch etwas zu sehr auf Bücher fixiert ist, die irgendwann als "fertig" deklariert werden müssen bevor sie einen Nutzen haben. Wikipedia wird nie abgeschlossen sein, sondern sie soll mit dem Strom der Zeit mitschwimmen.

    Untergehen wird sie entweder gemeinsam mit der Menscheit oder weil ein zeitgemässeres System auftaucht, aber kaum im Rausche der Verlinkung :)

    hierarchische Prinzip des «Baumes der Erkenntnis» (Score:0)
    Von Anonymer Feigling am Friday 09. September 2005, 01:09 MEW (#16)
    "Wissen wird hier nicht mehr nach dem hierarchischen Prinzip des «Baumes der Erkenntnis» geordnet, das «die Wirklichkeit und das gesamte Denken des Abendlandes» beherrsche, wie Gilles Deleuze und Félix Guattari 1980 in «Tausend Plateaus» befanden."

    Kenne deren Buch nicht. Ist ein Philosoph in der Nähe, der dies erläutern könnte?

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